Freitag, 21. April 2017

[Herzensangelegenheit] Selbstliebe


Selbstliebe

 Der Wecker klingelt, müde kletter ich die Leiter von meinem Hochbett runter und schleppe mich noch im halbschlaf unter die Dusche. Nur in ein Handtuch gewickelt zurück in meinem Zimmer wartet zusammen mit meiner Kleiderschranktür auch mein Spiegel auf mich.
Kritisch drehe ich mich davor im Kreis. Ich begutachte meine etwas ausladendere Hüfte, die sicher etwas Sport vertragen kann, mir aber eigentlich ganz gut gefällt. Etwas weiter oben warten mein Bauch und meine Taille auf mich. Nicht perfekt, aber ohne direkten Vergleich zu sportlicheren Frauen durchaus in Ordnung. 

Mein Blick wandert höher. Das wars dann mit dem halbwegs zufrieden sein. Für das Sanduhr-Erscheinungsbild fehlen mir eindeutig Brüste. Schade, dass bei denen nicht auch das Allheilmittel "Sport" hilft.

Weiter gehts im Gesicht. Viel zu blasse Haut gespickt mit einigen Rötungen lächeln mich an. Die Kombination aus rötlichen Haaren und hellem Taint hebt meine Augenringe besonders hervor.
"Sexy", denke ich mir, krame frische Unterwäsche, Push-Up BH, Highwaist-Jeans, Socken und T-Shirt aus dem Schrank und gehe angezogen zurück ins Bad. 

Nach Foundation, Concealer, Wimperntusche und einigem Contouring schaut mich endlich eine schöne Frau aus dem Spiegel heraus an. Ebenmäßiger Teint und dank der Mogelpackung stimmt nun auch das Verhältnis Hüfte, Taille, Brust.

Am Frühstückstisch, mit dem Buch in der einen und dem Kaffee in der anderen Hand fängt der BH schon an zu kneifen, das Make-Up verstopft mir die Poren und ich fühle mich unwohl obwohl ich doch eigentlich perfekt aussehe. Perfekt wie die Frauen in Filmen, perfekt wie die Protas in meinen Büchern, die sich selbst zwar immer als völlig durchschnittlich empfinden, aber anscheinend doch an falscher Selbsteinschätzung leiden und anschließend die heißesten Bookboyfriends abbekommen.

Ich gehe ins Bad, wasche mir das Make-Up aus dem Gesicht. Nur Reste der Wimperntusche bleiben hängen. Anschließend gehe ich zum Schrank und tausche den Schummel-BH gegen ein bequemes Sportbustier.

Ich lächel die Person im Spiegel an. Sie sieht zwar nicht mehr perfekt aus, dafür sieht sie echt aus. Mit guter Laune - Kaffee sei Dank - und einem Lächeln im Gesicht sind auch die Augenringe schon nicht mehr so schlimm.

Ich schnappe mir noch einen To-Go Becher, fülle ihn mit dem Rest aus meiner Kaffeemaschine, nehme meinen Rucksack und verschwinde aus der Haustür. Vorm Haus drücke ich den Kaffee meiner Kommilitonin in die Hand und begrüße sie mit einem Lächeln. "Gut siehst du heute aus", sage ich zu ihr. Vielleicht stand auch sie heute morgen kritisch vorm Spiegel. Egal, denn bei einem bin ich mir sicher: Sie ist, genauso wie ich und jeder andere, auf ihre ganz eigene Art perfekt.






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen